Equine Field Trip Report (German)

Bericht über die Exkursion von ESMA am 13. Februar 2011 zu den hungernden Pferde im Pyramiden Bereich in Kairo

An alle, die sich betroffen fühlen,

wir waren gestern vor Ort um uns selbst ein Bild von der Lage zu machen. Wir wollten Fotos machen, Einheimische interviewen und vor allem Futter verteilen. Anlass waren Berichte über unterernährte und verhungernde Pferde in Ägypten auf Grund der Unruhen. Hier ist unser Bericht einschließlich von etwa 200 Fotos:

Unsere Gruppe von sieben Freiwilligen traf sich mit Beth Sartain an ihrem Arbeitsplatz. Beth ist Reitlehrerin und in Großbritannien ausgebildete Tierarzthelferin mit langjähriger Erfahrung in der Behandlung von Pferden, Eseln und Maultieren. Wir hatten auf Empfehlung von Beth für unterernährte Tiere geeignetes Futter bestellt. Es wurde um 11:00 Uhr geliefert  und von den Stallhelfern zusammengemischt: Korn, Kleie, Mais und Spreu

Die Halter der Pferde und Wagen trafen schon in Scharen ein. Wir hatten sie durch den Besitzer der Ställe informieren lassen, dass wir geringe Futtermengen an unterernährte Tiere abgeben. Wir hatten beschlossen nach folgendem System vorzugehen:

  • Das Pferd wird untersucht und bekommt bei Unterernährung einen Eimer des Futtergemischs. Leider mussten wir einige zurückweisen, weil sie noch in relativ guter Verfassung waren.
  • Der Halter unterschreibt pro Pferd. Name und ID-Nummer werden registriert.
    • Der Halter bekommt eine Futtermenge, die das Überleben für zwei Tage sichert.

Futter auf Pflanzenbasis haben wir auf Beth’s Rat nicht angeboten. Es ist für geschwächte Tiere nicht bekömmlich und verschlimmert ihren Zustand.

Sobald die Verteilung der Nahrung gut angelaufen war, überließen wir die Aufgabe dem Stallbesitzer und begaben uns in die „touristische Zone“, wo die meisten Pferde und Wagen zu finden sind. Kein einziger Tourist war in Sicht. Es sah aus  wie in einer „Geisterstadt“. Beth führte uns zum „Friedhof“. Dort hatte sie vor ein paar Tagen sterbende und tote Pferde gesehen.

Kurz bevor wir ankamen, sahen wir eine Stallanlage, aus der gerade ein totes Pferd abtransportiert wurde (siehe Foto). Wir baten um Zutritt und erklärten, wir kämen von der Animal Welfare Society und wollten uns ein Bild vom Zustand der Tiere machen. Man ließ uns gerne ein. Der Anblick war erschütternd. Die meisten Tiere waren extrem unterernährt und einige offensichtlich krank. Der Besitzer sagte, er habe kein Geld die Tiere zu füttern und behandeln zu lassen. Wir verwiesen ihn an unsere Verteilungsstelle, dort solle er Futter für seine Pferde abholen.

Dann setzten wir unseren Weg zum „Friedhof“ fort. Der Anblick war deprimierend. Einige unserer Freiwilligen konnten die Tränen nicht zurückhalten. Da lagen mindestens 50 Kadaver, die meisten stark aufgedunsen. Wie mir Beth sagte, sind das die erst vor Kurzem verendeten. Wir fanden auch Kadaver von 3 Kamelen. Wie wir später von den Besitzern erfuhren, waren sie verhungert. Am Verstörendsten war der Anblick der Fohlen, die tot neben ihren Müttern lagen.

Es war an diesem Ort, wo wir mit den ansässigen Haltern ins Gespräch kamen. Wir geben im Folgenden einiges von dem wieder, was wir erfahren haben:

Unter normalen Umständen bekommen die Pferde eine Mischung aus Mais, Kleie, Spreu und Klee.

Die Zahl der Pferde in dieser Gegend wird auf 3000 geschätzt, die der Kamele auf 500.

Die meisten können ihre Tiere nicht mehr ernähren, viele nicht einmal ihre Kinder. Ihre Einkommensquellen sind völlig versiegt.

Sie können ihre Kinder nicht mehr in den Kindergarten schicken.

Brooke ist nur in einem Gebiet aktiv, anscheinend auch nur  sonntags. In den meisten Gebieten sind sie nicht zu finden. Die Pferdehalter müssen zu ihnen kommen. Seit zwei Tagen haben sie keine Spritzen. Sie behandeln lieber Esel und Maultiere als Pferde. Wenn sie Pferde in ihr Haupthospital aufnehmen, wird gewöhnlich entschieden sie zu euthanasieren. Deswegen wollen die Halter sie nicht dorthin bringen. Sie glauben, dass dieser drastische Schritt in den meisten Fällen nicht gerechtfertigt ist. Es sei eben die einfachere Lösung.

Der zuständige Amtstierarzt ist korrupt. Der Amtstierarzt soll eigentlich immer nur ein Jahr für einen Bezirk zuständig sein. Der gegenwärtige Amtsinhaber ist aber schon ca. 20 Jahre im gleichen Bezirk. Er verlangt immer Bezahlung, obwohl die Behandlung eigentlich kostenlos sein soll. Dasselbe gilt für Medikamente. Er verkauft sie zu Wucherpreisen.

Ein Halter hat allein in dieser Woche 5 Pferde durch Verhungern verloren.

Zu normalen Zeiten füttern sie ihre Pferde dreimal am Tag.

Keiner der Gesprächsteilnehmer hatte etwas dagegen, uns seinen Namen und seine Nummer zu nennen, im Gegenteil. Sie waren froh, ihrem Ärger Luft machen zu können.

Der Stallbesitzer, der uns freundlicherweise half die Fütterung zu organisieren, hat zusätzlich 55 herrenlose Pferde zu versorgen. 40 sollten an das Militär und an die Polizei gehen, wurden aber nicht abgeholt. Die anderen hatte er verkauft, beschloss aber gestern sie zurückzunehmen, weil er es nicht ertragen konnte sie in einem so jämmerlichen Zustand zu sehen. Er kann diesen verwaisten Tieren nur das absolute Minimum  an Futter geben, das sie zur Lebenserhaltung brauchen, da er zur Zeit selbst kein Einkommen hat. Die meisten der wohlhabenden Pferdebesitzer und Expats haben Ägypten gleich zu Beginn der Krise verlassen, ohne ihm Geld (die Banken waren alle geschlossen) für den Unterhalt ihrer Tiere zu hinterlassen.

Meine Stellungnahme

Das Problem ist gewaltig und es ist unlösbar, wenn große Organisationen nicht zur Hilfe kommen.

Die Zahl der betroffenen Pferde und Kamele, die schon genannt wurde, bezieht sich nur auf ein kleines Gebiet und nicht auf ganz Kairo oder ganz Ägypten.

Die Krise wird andauern, bis der Tourismus sich erholt, was in den nächsten Monaten nicht wahrscheinlich ist. Der Zustand der Pferde wird sich verschlimmern, solange niemand zur Hilfe kommt.

Wir von ESMA sind eine kleine Organisation, verstehen fast nichts von Huftieren und haben nur sehr begrenzte Ressourcen. Wir sind längerfristig nicht in der Lage den Pferden, Eseln, Maultieren und Kamelen zu helfen. Wir bekommen Spenden, aber es wird nie genug sein um die Versorgung so vieler Tiere zu sichern.

Gestern konnten wir aus lokalen Spenden 450 Pferde füttern. Menschen aus dem Ausland haben angefangen zu spenden. Aber es dauert offensichtlich bis das Geld ankommt. Wir mussten viele hungrige Tiere abweisen. Der Stallbesitzer hat uns berichtet, dass noch viele kamen, nachdem wir gegen 16:00 Uhr den Stall verlassen hatten und nichts mehr übrig war. Es war sehr traurig, aber die Pferdehalter haben die Situation mit Würde getragen und verstanden, dass die schlimmsten Fälle Vorrang haben mussten.

Futtermengen nach Auskunft von Beth und dem Stallbesitzer

Ein durchschnittliches Arbeitspferd braucht unter normalen Bedingungen die folgenden Mengen pro Tag. Wenn das Tier nicht arbeitet, braucht es sehr viel weniger um zu überleben.

6 kg hartes Futter, eine Mischung aus Mais, Kleie und Spreu

zusätzlich (nur für gesunde Tiere) 25 kg Barseem, eine Art Klee

aktuelle Großhandelspreise (seit Beginn der Krise haben sich die Preise verdreifacht)

1 Tonne Barseem                        LE  250
1 Tonne Spreu                                    LE 1000
140 kg    Mais                                    LE   310

Heu und Gerste sind teuer und werden gewöhnlich nicht gekauft.

Dank großzügiger Spenden von meist lokalen Spendern, aber es sind auch ein paar internationale dabei, werden wir morgen eine zweite Fütterung anbieten können. Hoffentlich können wir noch mehr Pferde und Kamele als gestern versorgen.

Dieser Bericht ist nicht für eine bestimmte Organisation oder  Einzelperson bestimmt. Er informiert über die Zustände, die ESMA gestern vorgefunden hat. ESMA begrüßt es, wenn der Bericht weitergegeben wird, um so viel  Bereitschaft wie möglich zu wecken den verhungernden Pferden zu helfen.

Vielen Dank für Eure Zeit

Susie Nassar

ESMA Gründungsmitglied (www.esmaegypt.org oder bei facebook unter ESMA)

PS. Soeben hat Beth Sartain mitgeteilt, dass 500 Halter bei den Ställen erschienen sind in der Hoffnung hier heute Futter für ihre Tiere zu bekommen. Jeder hat mindestens zwei Pferde, das macht 1000 hungrige Tiere.

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